REFRACTED REALITIES

Laufzeit: 21. Februar - 14. April 2019
Eröffnung: 20. Februar 2019, 20 Uhr

„We dialogue, therefore we are (Wir sind im Gespräch, also sind wir)“, konstatiert der Philosoph Raymond Tallis in Johan Grimonprez‘ Videoarbeit Raymond Tallis - on tickling (2017), einer von 29 Arbeiten, die im Rahmen der VIDEONALE.17 gezeigt werden. Tallis bezieht sich mit seinem Statement auf René Descartes‘ „Ich denke, also bin ich.“ Gleichzeitig stößt er damit auch zentrale Fragen an, die die Ausstellung untersucht: Wie sind wir heute eigentlich miteinander im Gespräch? Wer spricht zu wem und über welche Medien? Über welche Realität(en) sprechen wir und wie (an)erkenne ich die Realität meines Gegenübers?

Ausgewählt aus über 1.100 Wettbewerbseinsendungen aus 66 Ländern, werfen die Werke der VIDEONALE.17 Schlaglichter auf diese Fragen unter dem Thema REFRACTED REALITIES (Gebrochene Wirklichkeiten).

Mit „Refraktion“ wird die Brechung von Lichtwellen bezeichnet, wenn Licht von einem Medium auf ein anderes übergeht: Durch die Brechung verändert sich die Wahrnehmung dessen, was durch das Licht sichtbar gemacht wird. Das Wissen um das Phänomen der Refraktion fordert uns auf, Ausgangs- und Endpunkt unserer Wahrnehmung mit der Realität abzugleichen, unseren Blick zu korrigieren und das Objekt der Anschauung klar zu fokussieren.
„Refraktion“ im übertragenen Sinne meint also ein kritisches Reflektieren über die Mittel und Wege der Sichtbarmachung und folglich die Option einer Reartikulation unserer Sicht auf die Dinge, wie sie sind, waren oder vermeintlich immer schon gewesen sind. Das technische Medium der Kameralinse, das sich regelmäßig zwischen uns und unsere Wahrnehmung schaltet, nimmt in diesem Kontext eine besondere Rolle ein, als es den Grad der Refraktion entscheidend beeinflusst. Es vermag, die Wellen in eine Richtung zu bündeln oder aber sie abzulenken und neu auszurichten. Es kann der alten Erzählung neue Bilder hinzufügen oder eine neue Erzählung mit neuen Bildern etablieren.

Welche Möglichkeiten haben die Medien im Allgemeinen und die künstlerischen Medien im Besonderen, um sich kritisch mit der eigenen Dominanz auseinanderzusetzen? Welche künstlerischen Strategien werden aktuell entwickelt, um alternative Blicke zu ermöglichen und neue Perspektiven zu integrieren? Welche Bildsprachen bieten sich hierfür an? Und wie können wir diese nutzen, um wieder neu ins Gespräch darüber zu kommen, wie wir die Dinge sehen, sahen oder immer schon gesehen haben?

„Sichtbarkeit ist nicht Transparenz. Vielmehr, so argumentieren wir hier, ist Sichtbarkeit selbst ein Anspruch, der mit Bedacht untersucht werden muss: Indem wir erkennen, was gesehen wird und was neu gesehen wird, müssen wir genauso dem gegenüber wachsam sein, was nicht oder nicht mehr gesehen wird.“
(aus: Paula A. Treichler, Lisa Cartwright, Constance Penley, „Introduction: Paradoxes of Visibility“. In: Dies. (Hg.), The Visible Woman. Imaging Technologies, Gender, and Science. New York und London 1998, S. 3)

Künstler*innen der VIDEONALE.17

Monira Al Qadiri, Eric Baudelaire, Zanny Begg & Oliver Ressler, Mareike Bernien & Alex Gerbaulet, Andreas Bunte, Shu Lea Cheang, Marianna Christofides, Chto Delat, Mike Crane, Saara Ekström, Nina Fischer & Maroan el Sani, Mahdi Fleifel, Johan Grimonprez, Laura Huertas Millán, Su Hui-Yu, Sohrab Hura, Adam Kaplan & Gilad Baram, Stéphanie Lagarde, Maryna Makarenko, Deimantas Narkevičius, Stefan Panhans, Laure Prouvost, Morgan Quaintance, Maryam Tafakory, Eva van Tongeren, Tris Vonna-Michell, Clemens von Wedemeyer, Andrew Norman Wilson, Tobias Zielony

Wettbewerbsjury der VIDEONALE.17

Vanina Saracino (Freie Kuratorin), Matteo Lucchetti (Freier Kurator und Co-Direktor "Visible Project", Cittadellarte-Fondazione Pistoletto, Fondazione Zegna ), Eli Cortiñas (Künstlerin), Lesley Taker (Produzentin/Kuratorin FACT Liverpool), João Laia (Freier Kurator und Autor), Tasja Langenbach (Künstlerische Leitung Videonale) (v.l.n.r.)